Normal oder gestört?
"Unsere" Begriffe "Paarcoaching" und "Beziehungsmanagement" stehen im Kontrast zur gängigen Bezeichnung "Paartherapie". Der Begriff "Paartherapie" steht in enger Verbindung mit Krankheit. Wer krank ist, nimmt Therapie in Anspruch. Logischerweise müsste man annehmen, dass Paare, wenn sie Paartherapie in Anspruch nehmen, krank oder gestört sind. Dabei bedeutet der Begriff "Therapie" nicht per se "Heilung", sondern "Dienst, Aufwartung, Pflege, Sorge". Erst später fand der Begriff im medizinischen Kontext engere Verwendung und bezog (bzw. bezieht) sich auf das gezielte Behandeln von Krankheiten, um die Gesundheit wiederherzustellen. Der Begriff "Therapie" wurde also umgedeutet.
Aus unserer Sicht gibt es keine gestörten oder kranken Beziehungen. Auch dann nicht, wenn Betroffene sehr unter ihrer Beziehung leiden. Beziehungen "verhalten" sich logisch.
Machen wir ein Beispiel:
Lieschen und Hugo Müller, seit 20 Jahren verheiratet, geraten immer und immer wieder in Streit. Die Anlässe sind unterschiedlich und im Prinzip austauschbar. Art und Weise sind stets ähnlich und münden in Verletzungen, Kränkungen und tagelangen Kommunikationspausen. Auf der ersten Ebene beobachtet Lieschen zum Beispiel, dass Hugo schon wieder mal vergessen hat, die Zahnpastatube zu schließen. Freundlich, jedoch mit einem gewissen Nachdruck im Ton, macht sie ihn auf den Vorfall aufmerksam. Er schweigt, weil er zu Lappalien grundsätzlich schweigt. Sie zeigt sich über seine Arroganz verärgert, und so gibt ein Wort das andere. Schließlich beschimpft er sie als kleinkariertes Suppenhuhn und sie ihn als arroganten Sack, der sich genauso verhält wie sein Vater, "der Apfel fällt nicht weit vom Stamm".
Es geht nicht nur um die Zahnpastatube, es geht um alles Mögliche. Mal ist es die nicht aufgeräumte Zeitung, mal wurde der Dackel nicht hinreichend gewürdigt, mal ist es ein arroganter Gesichtszug. Aus Lieschens Sicht ist Hugo der Verursacher des Problems. Hugo sieht es genau andersherum, Lieschen ist schuld. Beide beobachten auf der Ebene erster Ordnung, sie sehen sich selbst als nicht beteiligt am Konflikt. Der Konflikt kann jedoch nur stattfinden, wenn beide mitspielen. Angenommen, Hugo würde sich nicht im Geringsten über Lieschens Zahnpastatuben-Hinweis ärgern, sondern großzügig ihre Ordnungsliebe zur Kenntnis nehmen, hätte der Streit keine Chance. Angenommen, Lieschen würde sich durch Hugos Schweigen nicht im Geringsten verletzt fühlen, würde der Konflikt nicht „funktionieren". Beide könnten erkennen, dass Zahnpastatuben, Dackel, kleinkarierte Suppenhühner und arrogante Säcke an sich keine Bedrohungen darstellen.
Wenn Lieschen und Hugo gemeinsam erkennen würden, dass es sich um ein Kommunikationsmuster handelt, wäre der Weg zur entlastenden Intervention geebnet. Bei dem nächsten Konflikt würden sie die Zahnpastatube, den Dackel, den arroganten Sack und das Suppenhuhn als Symptome behandeln, die das Muster bedienen.
Der Geist ist aus der Flasche, es geht um Muster! Die Sache mit den Mustern ist eine weitere Irritation, die mein therapeutisches Weltbild grundlegend beeinflusst hat. Muster lassen sich in erster Linie mit der systemischen Brille beobachten. Die Intervention in Muster, die ich als „Mustermanagement" bezeichnen will, ist auf Verhaltensirritationen angewiesen. Dieser Vorgang bezieht wertvolle Impulse aus der Verhaltenstherapie. Auf das Thema „Mustermanagement" komme ich später zurück. Zunächst soll beschrieben werden, was sich hinter dem Begriff „Muster" verbirgt.
Muster sind automatisierte Routinen, die allein auf der Metaebene beobachtet werden können. Sie beziehen sich auf psychische und soziale Systeme. Ein psychisches Muster spiegelt sich in der Persönlichkeit, ein soziales Muster zeigt sich in Kommunikationsroutinen. Am besten lassen sich Muster an sozialen Systemen (Kommunikationen) nachzeichnen.
Legen wir los: Sobald Kommunikation stattfindet, beginnt Musterbildung. Das kann man sich am Beispiel von Eisbildung auf einer Wasserfläche vorstellen: Sobald das Thermometer unter null Grad sinkt, beginnt Eisbildung. Am Anfang zart, dann stärker, im Laufe der Zeit bildet sich eine dicke Eisschicht. Die ersten Kristalle lösen sich rasch auf, sobald die Temperatur steigt. Weil Temperaturen nie exakt gleichbleiben (sie schwanken ständig, mal mehr, mal weniger), ist auch die Beschaffenheit des Eises einem ständigen (reaktiven) Veränderungsprozess unterworfen. Bei einer Eisdicke von fünf Metern wirken sich Temperaturschwankungen zwischen minus 30 Grad und minus 31 Grad kaum spürbar auf die Beschaffenheit des Eises aus, und trotzdem tun sie das minimal.
Wenn sich zwei Menschen, die sich nur oberflächlich kennen, in der Stadt begegnen, kommt es womöglich zu Kommunikation. Man bleibt stehen, spricht über das Wetter und die gestiegenen Preise, verabschiedet sich dann höflich und zieht seiner Wege. Diese Begegnung wollen wir mit der beginnenden Kristallbildung bei Frost vergleichen[1]. Erwartungen spielen mit, man verhält sich so, dass man vom Gesprächspartner nicht abgelehnt wird. Das Gesprächsthema ist offen und wenig verbindlich. Man fragt nicht etwa „Haben Sie auch manchmal erotische Fantasien?" Trifft man sich von nun ab täglich an der gleichen Stelle, verändert sich die Kommunikation allmählich. Es bilden sich Strukturen bzw. Muster. Man stellt nicht immer wieder die gleichen Fragen („auch einkaufen?"), sondern entwickelt Strukturen. Man öffnet sich langsam, die Distanz wird geringer. Gleichzeitig steigt die Gefahr, durch unbedachte Äußerungen Distanz zu bewirken.
„Musterbildung in Kommunikation" lässt sich anschaulich am Beispiel einer Liebesbeziehung darlegen: Zwei völlig unterschiedliche Menschen kommen zusammen. Die Wahrscheinlichkeit, dass gerade sie sich zu dieser Zeit unter diesen Umständen (beide zufällig gleichzeitig verliebtheitsbereit) treffen, ist außerordentlich gering. Dieses Treffen hätte sich auch mit anderen Menschen ereignen können. Aber nun treffen eben sie sich unter diesen Bedingungen. Sie verlieben sich, sie finden sich gegenseitig anziehend. Sie entscheiden sich für den ersten Austausch von Körpersäften, im harmlosesten Falle für den ersten Intensivkuss bei geschlossenen Augen. Es entwickelt sich eine Art „Rauschzustand", dafür gibt es körperliche Gründe: Es werden Botenstoffe freigesetzt, die diesen Zustand für eine gewisse Zeit aufrechterhalten. Beide sind zu Handlungen und Verrücktheiten bereit, die normalerweise eher vermieden werden.
Mit Beginn der Beziehung kommt es zur Musterbildung: Es entwickeln sich kommunikative Routinen: „Schatz", „Turteltäubchen", „Herzblatt", „Goldköpfchen", „Bärle". Im Übergang von der Anfangsphase zum Beziehungsalltag lösen diese Routinen sowohl Glücksgefühle als auch Sicherheitsgefühle aus. Mit zunehmender Stabilisierung fallen die Hüllen, die Schokoladenseiten zeigen sich immer seltener. Er zeigt auch mal seine unsensible Seite, sie schaut auffällig auf den knackigen Po des Nachbarn. Er zischt nun auch mal hysterisch, sie hockt auch mal einen ganzen Abend vor dem Computer, während er (sich auf dem Sofa räkelnd) auf sie wartet. Dieser Übergang ist kritisch und kann den Prozess erheblich gefährden. Der weitere „Ausbau" der Musterbildung hilft bei der Stabilisierung. Verhaltensautomatismen unterstützen die Kommunikationsroutinen: Er bringt sie morgens zur Straßenbahn, sie winkt ihm zum Abschied herzergreifend zu, er kocht täglich leckere Gerichte.
Der Alltag ist inzwischen in vollem Gange, und man ist nicht mehr nur verliebt, man richtet sich ein auf Bestand, auf Dauer und Ruhe. Die ersten Muster sind stabil. Die liebkosenden Begriffe („Schatz", „Turteltäubchen", „Herzblatt", „Goldköpfchen", „Bärle") sind ritualisiert und finden auch dann noch Verwendung, wenn die Stimmung längst nicht mehr romantisch ist: „Schatz, du bist ein arroganter Sack".
Zu Beginn ihrer Beziehung müssen beide erhebliche Anpassungsleistungen erbringen, wenn die Beziehung Bestand haben soll. Man kann nicht einfach so weiterleben, wie man bisher gelebt hat. Man kann nicht so kommunizieren, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Rücksichten sind geboten, Vorlieben sind zu beachten - in jeder Hinsicht. Beim Gespräch, bei den Mahlzeiten. Man kann nicht einfach schmatzen oder pupsen, zumindest im ersten Beziehungsjahr nicht. Beim Sex muss man anfangs Phantasie, Bedürfnisse und Ad-hoc-Realität sensibel ausbalancieren. Um das Rad nicht ständig neu erfinden zu müssen (wie verhalte ich mich jetzt, wie später?) bildet das System Muster, die das Procedere des Umgangs automatisieren. Mit zunehmender Stabilisierung des Musters kehren alte Gewohnheiten zurück, sie gefährden die Beziehung nicht mehr.
[1] Beispiele hinken in der Regel 😉
